Veröffentlicht am Di., 15. Jun. 2021 00:00 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“.

Blog 55 - Weil ich es kann!

+++ Ende Juni geht Martina Rohrbach in den Ruhestand. Am Samstag, 26. Juni 2021 von 16 bis 19 Uhr verabschiedet sie sich auf dem Evangelischen Campus Daniel, Brandenburgische Straße 51, 10707 Berlin. Wer vorbeikommen möchte, ist herzlich eingeladen. +++

An einem der ersten warmen Abende, als die Außengastronomie gerade wieder testfrei geöffnet hatte, lud mich ein alter Schulkamerad, der gerade auf Berlinbesuch war, zum Essen ein. Wir hatten uns zwischenmenschlich immer gut verstanden, obwohl wir mittlerweile nach sehr unterschiedlichen Lebenswegen und -zielen auf der politischen Ebene recht entgegengesetzte Ansichten vertreten. 

Eigentlich stammen wir schulisch aus demselben ‚progressiven Stall‘: Da wir ein sehr fortschrittliches Gymnasium mit einem sozialwissenschaftlichen Zweig besuchten, saßen wir in dem gleichen Unterricht, unter anderem zum Thema „Soziale Marktwirtschaft“. Die Sache mit dem ewigen Wachstum hatte schon immer meine Skepsis hervorgerufen, zumal mich gleichzeitig im Fach ‚Politische Weltkunde‘ 1972 die Ergebnisse der ersten Studie des ‚Club of Rome‘ zu den „Grenzen des Wachstums“ und „für eine nachhaltige Entwicklung zum Schutz der Ökosysteme“ schon damals erschüttert hatten. Wie sollte das gleichzeitig gehen?  

Da ich weder mit Dollarzeichen im Auge noch mit karrieristischem Ehrgeiz ausgestattet war, sondern aus tiefster Überzeugung die Erziehungswissenschaften mit all ihren praktischen Tätigkeiten für ein wichtiges, wenn nicht das wichtigste politische Feld hielt, blieb ich beruflich und materiell bei meinen Leisten im antikapitalistischen Sozialraum. Man kann sagen, dass sich mein Schulkamerad und ich in einem – sagen wir mal – um 150 Grad entgegengesetzten Winkel entwickelt haben, was die Definition von ‚Sein‘ in einer Welt des ‚Habens‘ betrifft.  

Wir kamen im Laufe des Abends auf Autos zu sprechen, da ich von seinem Faible für schnelle und hochwertige Fortbewegungsmittel weiß. Ich favorisiere die Geschwindigkeitsbegrenzung auf 130 Stundenkilometer; er genießt die Vorfreude auf die 480 PS unter der Motorhaube des avisierten neuen (immerhin Elektro-)Autos.  

„Oh, wenn ich mir das als echte Pferde vorstelle, brauchst du den Platz einer ganzen Startbahn! Und wofür machst du das?“ fragte ich ihn weiter. Es folgte ein etwas männlich-umgangssprachlicher Witz mit der Pointe am Schluss: „Weil er es kann!“ Ja, ich lachte mit, denn die Definition von „Witz“ lautet unter anderem, dass die Wahrheit, auf den Punkt gebracht, zum Lachen reizt.  

Irgendwie blieb mir das Lachen im Nachhinein aber doch im Halse stecken. Diese Sichtweise heißt ja: Hat jemand, ‚jederMann‘, das Geld, kann er sich im Prinzip alles erlauben, solange es niemand verbietet. Also tut er es und setzt im Geiste des permanenten Wachstums immer noch einen drauf, wenn er es kann. Ich könnte jetzt anfangen zu schimpfen, diese Haltung verurteilen und streitlustig werden; aber nein: Ich weiß ja, woher sie kommt. Ich setze lieber meine Haltung dagegen oder besser, ich setze sie gleichwürdig dazu – in diese Welt, die ich so gerne verändert sehen würde.  

Wachstum heißt für mich in erster Linie, über sich selbst hinauszuwachsen und die anderen Menschen wahrzunehmen, die ebenfalls ein Recht auf ein existentiell gesichertes Leben und persönliche Menschenwürde haben müssten. Ich kann dieses Bewusst-Sein nicht abschalten und konnte es noch nie wider besseres Wissen.  

Ich möchte den rustikalen Männerwitz nicht verurteilen, sondern ihm einfach eine andere Erzählung gegenübersetzen. Zum Beispiel orientiere ich mich relativ geringfügig an Statussymbolen oder Ersatzgütern und versuche, umweltschädlichen Konsum unter Kontrolle zu halten. Ich bestelle online nur, wenn es gar nicht anders geht. Dafür bietet die weibliche Orientierung in dieser Welt, dass es Nachkommen gibt, für deren Wohlergehen und Zukunft ganz selbstverständlich gesorgt werden muss, und zwar nicht nur individuell und materiell, sondern emotional und lebenserhaltend. „Gedeihlich“ wie der Professor für Astrophysik Dr. Harald Lesch in seinem Vortrag in dem unten angegebenen Link sagt. Das können übrigens auch Männer, wenn man sie gesellschaftlich lässt.  

Einig waren mein alter Freund und ich uns darin, dass es schön wäre, wenn es keine „Wahl-Kämpfe“ gäbe, sondern wenn die wichtigen Themen im Interesse aller Bevölkerungsgruppen aus den verschiedenen Perspektiven angeschaut und gut durchdachte Pläne entstehen würden. Die Fähigkeit, von den eigenen Interessen absehen und andere wahrnehmen zu können, wäre eine wunderbar menschenfreundliche Übung für Politiker*innen. Mit Konflikten umgehen und verhandeln lernen, ist hilfreich für alle.  

Ich werde niemals müde, wie in vielen meiner Blogs mit praktischen Beispielen zu sagen, dass Sie am besten gleich bei sich anfangen, die Prioritäten in Ihrem Leben und Ihrer Familie zu überprüfen, Ihre Beziehungen zu pflegen und Ihren Kindern eine zukunftswürdige Haltung vorzuleben. Wir sind den ganzen Tag Wählerinnen und Wähler, bei allen Entscheidungen. Ich warte auf keine Politik, sondern folge dem Gesetz der Füße in Eigenverantwortlichkeit; und das heißt schneller umdenken, hoffnungsvoll lernen, bedingungsloser lieben und nicht nur daran glauben, dass wir als Menschheit eine Zukunft haben, sondern in diesem Sinne handeln. Ich lebe ohne Verzichtsgedanken – weil ich es kann!

Linktipp
https://youtu.be/gMRnowgpGig



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