Veröffentlicht von Juliane Kaelberlah am Do., 1. Jul. 2021 10:30 Uhr

„Auch das noch“, war man versucht zu sagen, als das Thema der Frühjahrs-Kreissynode bekanntgeben wurde: „Bewahrung der Schöpfung – Kirche und Klimaschutz“. Wichtig, fraglos, und darüber hinaus eine christliche Grundaufgabe. Aber neben der Vorbereitung der Umsatzsteuerpflicht und den Corona-Nachwirkungen ein komplexes Thema mehr, das sich mit Dringlichkeit auf die kirchliche Agenda schiebt. Schließlich hat die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) mit ihrem ehrgeizigen Klimaschutzgesetz der Herbstsynode 2020 einen straffen Fahrplan vorgegeben, der seit diesem Jahr gilt.

Die verbindliche Auflage: Die 1300 Gemeinden der Landeskirche müssen bis zum Jahr 2050 klimaneutral sein. Für die Kirchengemeinden eine große und kostspielige Aufgabe, allen voran in puncto Immobilien: Viele Gemeindehäuser sind groß und alt. 300 der 2000 Kirchen in der EKBO werden im Winter teuer (und meist noch mit Wärme aus fossilen Brennstoffen) beheizt, wobei die Wärme durch die meist einfachverglasten Fenster schnell wieder entweicht.

Der Klimakiller ist aus Stein

Rund 80 Prozent der Treibhausgasemissionen der EKBO sind auf die Gebäude zurückzuführen. Ab 2023 kann das für Gemeinden teuer werden: Pro Tonne ausgestoßenes CO2 muss jede Gemeinde 125 Euro in einen Klimaschutzfonds zahlen. Aus diesem können sie dann bis zu 100 Prozent ihrer klimabedingten Mehrkosten als Zuschuss beantragen. „Wir haben kein EKBO-Gebäude gefunden, das nicht energetisch sanierbar wäre“, sagte EKBO-Klimaschutzmanager Janes von Moers, der als einer von drei Gästen der komplett per Videokonferenz tagenden Synode zugeschaltet war. Nur: Bei knapp zwei Dritteln der Gebäude im EKBO-Bestand hat auch bei energetischen Sanierungsvorhaben der Denkmalschutz mitzureden.

„Die Erde wird sich nicht bewahren lassen“

„Die EKBO ist mit ihrem Gesetz Pionier, erlebt aber jetzt auch die Schwierigkeiten in der Umsetzung“, fasste Professor Dr. Wolfgang Lucht vom Potsdam-Institut für Klimaforschung zusammen. Dass der Erderwärmung Einhalt geboten werden muss, veranschaulichte der Physiker in seinem umfassenden Vortrag an einem eindrücklichen Beispiel: dem deutschen Sommer. Ohne Gegensteuern sei das, was wir heute „Hitze“ nennen, in 20 Jahren nur noch ein mittelheißer, in 40 Jahren sogar ein eher kühler Sommer. Den Begriff „Bewahrung der Schöpfung“ hält er für irreführend. „Die Erde wird sich nicht bewahren, sondern nur stabilisieren lassen.“

In der Lindenkirche muss im Winter auch ohne Heizung niemand frieren

Die Strategie wird ein Abwägen sein: Worauf können Gemeinden künftig ganz verzichten? Was können sie sich leisten? Welche Ideen erleichtern den Wandel? In der Wilmersdorfer Lindenkirche beispielsweise wärmen Infrarotpolster im Gottesdienst die Menschen, wo sie gerade sitzen oder stehen: auf der Kanzel, den Bänken oder auf der Orgelbank.

Welche Technologien und Energieträger kommen infrage und sind, wie die teure Wärmepumpe, so zukunftsträchtig, dass sie nicht nach einigen Jahren wieder ausgewechselt werden müssen? Abseits von großen Sanierungsmaßnahmen werden aber auch die kleinen Alltagsgewohnheiten auf den Prüfstand gestellt: Wie viel CO2 produziert ein Gemeindefest oder ein Gottesdienst mit allem, was dazugehört? Braucht es das viele Papier, das die Kirche in ihren Verwaltungsstrukturen produziert?

Weggucken hilft auch bei Ratlosigkeit nicht

„Cheerleader oder Weggucker“ – Vorantreiben oder Ignorieren - in diese beiden Gruppen teilt Torsten Meireis die meisten Menschen in puncto Klimafrage ein. Der Professor am Lehrstuhl für Systematische Theologie der Humboldt-Universität zu Berlin betrachtete in seinem Impuls den Klimaschutz aus theologischer Sicht im inhaltlich anspruchsvollen Schnelldurchlauf.

„Klimaschutz-Cheerleader“ können anstrengend sein, aber weggucken hilft nicht mehr: Bereits bis zum kommenden Jahr müssen Gemeinden ihren Strom komplett aus erneuerbaren Energien beziehen. Jeder Kirchenkreis braucht einen Sanierungsplan für seine Gebäude. Zudem soll überall eine – mit dem etwas grundschulhaften Wort „Klimakümmerer“ bezeichnete – Ansprechperson für das Thema benannt werden. Alle drei Jahre werde geprüft, ob die Vorgaben des EKBO-Gesetzes eingehalten werden.

Lust an der Veränderung – und Ratlosigkeit

In den acht Arbeitsgruppen, in denen die Synodalen das Thema besprachen, verursachte dieser Ausblick ein Spektrum von Aufbruchsstimmung bis Ratlosigkeit. „Ich weiß nicht, wie wir das wuppen sollen“, berichtete ein Synodaler. „Für die CO2-Abgabe müssen wir als Gemeinde nun Geld zurücklegen, das wir eigentlich für längst überfällige Sanierungen brauchen.“ Bleiben Gemeinden mit dem Berg an Aufgaben und den ambitionierten Zielen des Gesetzes allein, kann Klimaschutz zum internen Reizthema statt zur Chance werden. Für eine umfassende fachliche Beratung und einen Startplan mit fünf Punkten, die alle Gemeinden zuerst abarbeiten sollen, plädierte deshalb Kristina Westerhoff, Pfarrerin der Auenkirche.

Die anstehenden Veränderungen nicht nur als Einschnitte ins Gemeindeleben zu verstehen, sondern den langfristigen Nutzen zu sehen, braucht eine ehrliche und positive Kommunikation nach innen und außen. Womöglich birgt Klimaschutz die Potential, das erste wirklich generationenübergreifende Ziel zu werden, auf das Junge und Ältere in der Gemeinde gemeinsam hinarbeiten. „Das kann gemeinschaftsstiftend sein – und es führt uns an den Kern unseres Auftrags zurück“, fasste Bettina Schwietering-Evers, stellvertretende Superintendentin, zusammen.

Nach den Sommerferien wird es einen Überblick darüber geben, wie die 18 Gemeinden des Kirchenkreises im Hinblick auf die Vorgaben der EKBO bereits gerüstet sind. Einstimmig beauftragten die Synodalen das Präsidium, mit den entsprechenden Stellen und Personen in den Gemeinden einen Vorschlag zu entwickeln, wie die Klimaschutz-Strategie für Charlottenburg-Wilmersdorf Schritt für Schritt umgesetzt werden kann. „Ich wünsche mir, dass wir das Thema als Prozess begreifen und Freude daran finden, ihn zu gestalten. Man kann das nicht allein stemmen“, schloss Präses Dr. Annette Niederfranke. Auf der Herbstsynode 2021 wird von diesem Thema wieder zu hören sein.

Die nächste Synode findet am 5. und 6. November 2021 statt. Der Ort wird noch bekanntgegeben. 

T: J. Kaelberlah/F: Markus Spiske/unsplash.com

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