Veröffentlicht am Fr., 12. Feb. 2021 09:45 Uhr

Im Interview: Stefan Lemke aus der Arbeit mit Seniorinnen und Senioren. Gemeinsam mit Diakonin Karin Schomäcker leitet er seit 2018 das Trauercafé in der Trinitatis-Kirchengemeinde. Sie ist eine von drei Trauergruppen in der Evangelischen Kirche Charlottenburg-Wilmersdorf.

Vor etwa einem Jahr kam Corona nach Deutschland und hat das Leben extrem verändert. Wie hat sich das in eurer Arbeit gezeigt?

Stefan Lemke: Während des ersten Lockdowns haben viele Menschen bei mir und meiner Kollegin angerufen. Hauptsächlich waren es Frauen, die ihren Mann verloren hatten. Oft kamen im Gespräch dann Corona-bedingt auch noch andere Sorgen und Ängste auf. Jetzt im zweiten Lockdown haben wir weniger Anfragen, obwohl jeden Tag allein rund 1000 Menschen nur an oder mit Corona sterben. Wir vermuten, dass Trauerende sich nicht melden, weil sie denken: Es ist Lockdown, es findet gerade gar nichts statt, also auch keine Trauerarbeit. Das stimmt aber nicht - wir sind da!

Wie haltet ihr den Kontakt? Das monatliche Treffen in der Trinitatis-Kirchengemeinde ist ja nicht möglich.

Im vergangenen Jahr haben wir zusätzlich zu unserer bestehenden eine weitere Trauergruppe aufgemacht, weil wir so viele Anfragen hatten. Vor Ort haben wir uns dann aber kaum noch getroffen. Stattdessen sind wir einzeln mit den Trauernden spazieren gegangen. Außerdem telefonieren wir jede Woche mit ihnen, um im Kontakt zu bleiben.

Hat das eure Arbeit verändert?

Ja, und durchaus positiv. Wir haben das Trauercafé vom Gruppenangebot zu einzelnen Treffen umgewandelt. Das Gehen während der Spaziergänge im Park hat uns ganz anders ins Reden gebracht und das Gespräch unter vier Augen fiel oft leichter. Durch diesen Eins-zu-eins-Kontakt hat sich noch einmal eine ganz andere Beziehung entwickelt: Vor Corona haben wir uns einmal im Monat anderthalb Stunden in der Gruppe getroffen. Jetzt telefonieren wir jede Woche miteinander, in der Regel mindestens 40 Minuten. So bekommen wir einen tieferen Einblick in die aktuelle Lebens- und Trauersituation der Menschen. In der Adventszeit und zum Jahreswechsel ist uns das besonders deutlich geworden.

Kommen auch jüngere Menschen ins Trauercafé?

Nein, eher nicht. Natürlich haben wir keine Altersbegrenzung. Es hilft aber, wenn zumindest einige Teilnehmer der Gruppe in ähnlichen Lebensphasen sind. Wir können da auch weitervermitteln: Im Kirchenkreis Tempelhof-Schöneberg gibt es Trauerangebote zum Beispiel für Eltern, die ein Kind verloren haben, oder für junge Erwachsene zwischen 20 und 35 Jahren. [www.ts-evangelisch.de/beratungsstelle-für-trauernde]

Was soll ich tun, wenn ich jemanden kenne, der trauert und das Gefühl habe: Dieser Mensch könnte Unterstützung brauchen?

Der erste Schritt ist schon getan: Man nimmt diesen trauernden Menschen überhaupt wahr! Viele, mit denen ich regelmäßig telefoniere, kennen allein in der Nachbarschaft oder im engeren Umfeld einen Menschen, der vor kurzem an Corona verstorben ist. Zu diesem Menschen gehören vielleicht ein Partner, eine Familie, Kinder. Viele bleiben ausgerechnet jetzt mit ihrer Trauer allein zurück, weil die Kontakte und Trauerangebote eingeschränkt sind.

Man kann sich also bei Bedarf einfach bei euch melden?

Ja. Wir haben in drei Gemeinden hier in der Evangelischen Kirche Charlottenbug-Wilmersdorf ein Trauerangebot. Außerdem haben wir eine Pfarrerin im Team Diakonie, die ebenfalls in Trauerfällen angesprochen werden kann. Wenn jemand trauert und Hilfe benötigt oder Fragen hat, sind wir selbstverständlich da. Und wenn es wieder sicher möglich ist, werden wir uns mit den Trauergruppen auch vor Ort in den Gemeinden treffen.


Trauercafé in der Trinitatiskirche (momentan telefonisch)
Stefan Lemke, Telefon 030 863 90 99 15
Sprechzeit: Montag bis Donnerstag von 9 bis 16 Uhr

Trauercafé in der Lindenkirchengemeinde
Das Trauercafé findet momentan nicht in Präsenz statt. In der offenen Kirche am Donnerstag von 17 bis 19 Uhr und am Sonntag von 10 bis 12 Uhr sind Pfarrerin oder Pfarrer für Seelsorge vor Ort. Sprechen Sie uns an oder melden Sie sich gern bei
Pfarrerin Bettina Schwietering-Evers unter Telefon 030 827 92 32 oder per E-Mail:
Mail: schwietering-evers@lindenkirche.de

Trauercafé in der Kirchengemeinde Grunewald

Das Trauercafé wird von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Ambulanten Hospizdienstes der Paul Gerhard Diakonie geleitet. Statt der Termine vor Ort stehen die Mitarbeiter telefonisch zur Verfügung.

Annett Morgenstern, André Krämer und Raphaela Solich, Telefon 030 89 55 50 38

Team Diakonie in der Evangelischen Kirche in Charlottenburg-Wilmersdorf
Christa Braun, Pfarrerin und Psychologin
Telefon 030 863 90 99 27, Mail: teamdiakonie@cw-evangelisch.de
www.cw-evangelisch.de/trauer

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